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Wegweiser

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Heute war der große Tag gekommen: Samil würde dem König gegenübertreten, und mit etwas Glück würde er noch heute zum Wegweisen ernannt werden.

Wegweiser war eine der höchsten Stellungen, die man im Königreich außerhalb des Hofstaats erringen konnte. Nur die Handelsweisen und die Kriegsweisen standen in der Hierarchie noch über den Wegweisen. Darüber gab es nur noch den Hofstaat. Dementsprechend war die Position eines Wegweisen sehr begehrt, zumal es eine der wenigen Möglichkeiten war, einen Adelstitel zu erringen, wenn man nicht schon als Adliger geboren wurde. Wer bei Ernennung zum Wegweisen noch keinen Adelstitel trug, wurde zum Ritter der Weisheit geschlagen. Zwar wurde dieser Titel nicht vererbt, aber der Träger genoss ansonsten alle Vorzüge des Adels.

Genau fünf Jahre war es nun her, dass er in die Reisegesellschaft aufgenommen worden war. Schon das war ein großer Erfolg gewesen, denn die meisten Aspiranten scheiterten schon an der Eingangsprüfung. Viele dachten, nur weil sie sich in ihrer Heimat sehr gut auskannten und den Weg zur Hauptstadt wussten, hätten sie eine Chance bei der Reisegesellschaft. Und dann scheiterten sie an Fragen wie der nach den fünf wichtigsten Handelswegen des Reiches, oder der Frage, wie man zum Himmelstempel gelangen könne, ohne das Reich der Aksmanen zu durchqueren. Natürlich wusste jeder, dass der Himmelstempel im Reich der Longharen lag, immerhin war es das höchste Heiligtum überhaupt. Und die meisten wussten auch, dass der Weg dorthin normalerweise durch das Reich der Aksmanen führte. Die Aksmanen nutzten ihre strategische Lage auch weidlich aus, indem sie extrem hohe Wegezölle verlangten. Da ein Besuch des Himmelstempels mindestens einmal im Leben zu den höchsten heiligen Pflichten gehörte, war das aksmanische Reich das wohlhabenste von allen. Sogar wohlhabender als das der Longharen, denn diese waren durch religiöse Vorschriften daran gebunden, nur moderate Zölle zu erheben.

Samils Onkel jedoch, der den Himmelstempel schon besucht hatte, hatte Samil einmal von seiner Reise dorthin erzählt, und wie er sich damals die hohen Wegezölle erspart hatte. Der Vorschrift gemäß hatte er sich einem geistliche Reisenden angeschlossen, der ihn auf dem bekannten Weg durchs Aksmanenreich zum Himmelstempel bringen wollte. Der Onkel hatte aber früher schon von einem Handelsreisenden erfahren, dass es eine Meerenge zwischen dem sudamanischen Salomina und dem longharischen Orawa gab, die zwar normalerweise unpassierbar war, aber einmal pro Monat, bei besonders starker Ebbe, konnte man sie in der Tat durchqueren. Um zu den Sudamanen zu gelangen, musste man natürlich nicht das aksmanische Reich durchqueren, und konnte sich so die hohen aksmanischen Wegezölle sparen. Der geistliche Reisende war zunächst skeptisch, konnte aber überzeugt werden, als der Onkel ihn darauf aufmerksam machte, dass der längere Weg auch bedeutete, dass die Tagesgebühr für den Reisenden eine längere Zeit gezahlt werden musste. Während also der Onkel von den geringeren Wegezöllen profitieren würde – die mussten selbstverständlich vollständig vom Reisepassagier gezahlt werden –, würde der Reisende von den höheren Gebühren profitieren. Und so gelangten der Onkel und der geistliche Reisende über die Meerenge von Salomina zum Himmelstempel.

Und diesen Weg hatte Samil in der Aufnahmeprüfung in die Reisegesellschaft angegeben, und er vermutete, dass diese spezifische Antwort es letztlich war, das die Prüfer überzeugte. Sicher wissen konnte er das natürlich nicht, denn die Prüfer gaben immer nur ihre Entscheidung bekannt, nicht aber die Begründung.

In der Reisegesellschaft begann damals erst eine Zeit des Studiums. Ein Jahr lang tat er nichts anderes als Wege auswendig zu lernen, Wegezolltabellen zu memorieren, und das komplizierte Handwerk der Wegeplanung zu erlernen. Erst danach wurde er selbst auf Reisen geschickt. Natürlich nicht alleine, sondern als Lehrling eines Reisemeisters. Es handelte sich um einen Nachrichtenreisenden, dessen Aufgabe darin bestand, alle Arten von Schreiben zu befördern, als auch darin, allgemeine Informationen über die Vorgänge in den besuchten Landstrichen zu erlangen und weiterzugeben. Samil hatte dies etwas bedauert, denn er wäre lieber bei einem Handelsreisenden in die Lehre gegangen. Handelsreisende waren dafür zuständig, Händler an ihre Handelsplätze zu bringen. Da die Reisegesellschaft das Reisemonopol unterhielt, durften die Händler nicht eigenständig reisen. Umgekehrt durften die Handelsreisenden sich auch nicht in den eigentlichen Handel einmischen, denn der war die Aufgabe der Händler. Der Handel hatte Samil schon immer interessiert, aber da seine Rechenkenntnisse nicht ausreichten, hatte er bei der Handelsakademie keine Chance gehabt. In der Tat war der eigentliche Grund dafür, dass Samil sich bei der Reisegesellschaft beworben hatte, dass er hoffte, so doch noch zumindest mit Händlern in Kontakt zu kommen.

Na gut, nun war er also bei einem Nachrichtenreisenden gelandet. Also machte er das Beste daraus, und in der Tat konnte er schon nach einem Jahr die Gesellenprüfung, und nach zwei weiteren Jahren die Meisterprüfung als Nachrichtenreisender ablegen. Seit dem Bestehen der Reisegesellschaft hatte noch nie jemand die Meisterprüfung in so kurzer Zeit geschafft.

Aber dennoch hätte er es sich damals niemals träumen lassen, dass er einmal Wegweiser werden würde, und schon gar nicht nach nur zwei weiteren Jahren. Und so war er äußerst überrascht, als, nachdem vor einem Monat einer der zwölf Wegweisen gestorben war, von der Reisegesellschaft als Kandidat vorgeschlagen wurde. Wenn ein neuer Wegweise gebraucht wurde, war es das Vorrecht der Reisegesellschaft, sieben Kandidaten vorzuschlagen. Und einer der sieben Kandidaten war Samil.

Aber selbst da hatte er noch nicht geglaubt, dass er Wegweiser werden würde. Er wusste ja, dass die sieben Kandidaten erst einmal den anderen Wegweisen vorgestellt würden, die diese dann eingehend prüfen würden, um dann eine Liste der drei geeignetsten Kandidaten den König vorzulegen. Und die anderen sechs Kandidaten waren alle älter und erfahrener als Samil. Es wäre also sicher vermessen gewesen, hätte er sich Chancen ausgerechnet, überhaupt nur auf die königliche Liste zu kommen.

Aber offenbar musste er auch die Wegweisen überzeugt haben, denn er stand nicht nur auf der königlichen Liste, sondern sogar auf dem ersten Platz. Zwar konnte der König immer noch einen der anderen beiden Kandidaten auswählen, aber von den vielen hundert Wegweisen, die seit Einführung dieses Verfahrens ernannt worden waren, hatten nur fünf nicht auf dem ersten Platz gestanden. Wenn er also jetzt keinen Fehler machte, dann war ihm die Ernennung schon praktisch sicher.

Die letzten Wochen hatte er damit verbracht, die Hofprotokolle aufs peinlichste genau zu studieren, allerlei Informationen darüber gesammelt, welches Verhalten der König besonders schätzte, und welches er verabscheute, obwohl es nicht den Protokollen widersprach, er hatte sich die besten Kleider besorgt – unter Berücksichtigung des Hofprotokolls und des Geschmacks des Königs, versteht sich – und extra noch einmal einen Benimmtrainer aufgesucht. Aber natürlich hatten die beiden anderen verbleibenden Kandidaten dies auch getan. Er konnte also nicht positiv auffallen, was er um jeden Preis vermeiden musste, war negativ aufzufallen.

Und nun wartete er also mit den beiden anderen Kandidaten im Vorraum des Thronsaals. In wenigen Minuten würden sie hereingerufen werden. Er würde den König das erste Mal in seinem Leben zu Gesicht bekommen, aber er wusste, dass man ihm das nicht ansehen durfte. Keinesfalls durfte man ihm Neugier oder Aufregung anmerken. Es musste wirken, als wäre es für ihn das Normalste der Welt. Darauf legte der König größten Wert, das hatte man ihm mehrfach gesagt. Hoffentlich würde er auch diese Prüfung überstehen, die so ganz anders war als die Prüfungen bisher, wo es nur um sein Wissen und Können in Reiseangelegenheiten ging.

Da öffnete sich die Tür zum Thronsaal und ein Saaldiener bat die Kandidaten herein.

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