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Ufer

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Als er aufwachte, roch es ganz leicht nach Meer, nach Tang und salziger Luft. Der Geruch war schwach, gerade eben wahrnehmbar, aber er war unzweifelbar da und kündete davon, das das Ziel bald erreicht sein würde. Noch als er sich zum Schlafen hingelegt hatte, war nichts zu riechen gewesen, und er hatte keine Ahnung, ob er noch einen Tag oder einen Monat unterwegs sein würde. Aber jetzt wusste er: Heute noch würde er ankommen.

Mit diesem Wissen fiel das Aufstehen wesentlich leichter als die letzten Tage. Es war eine lange und beschwerliche Reise gewesen, aber jetzt würde sie bald beendet sein. Der Geruch bewies es, auch wenn er nun durch den Geruch der Konserve überdeckt wurde, die er sich gerade fürs Frühstück geöffnet hatte. Es war die letzte Konserve, wenn die Reise noch wesentlich länger gedauert hätte, dann hätte er sich etwas einfallen lassen müssen. Aber diese Gedanken konnten ihn jetzt nicht mehr schrecken. Er wusste, das Ufer war nah, und wenn er es erst erreicht hatte, dann waren seine Probleme alle gelöst.

Er hatte das Gebirge hinter sich gelassen. Der letzte kleine Hügel, der ihn heute früh noch vom flachen Land getrennt hatte, der letzte, fast lächerlich kleine Ausläufer des großen Gebirges, war nun auch überwunden. Vor ihm lag eine weite Graslandschaft mit einem Wald dahinter. Zwar konnte er das Meer nicht sehen, aber der stärker werdende Geruch zeigte ihm, dass er auf dem richtigen Weg war. Das hüfthohe Gras verdeckte allerlei Unebenheiten des Bodens, und er musste ständig aufpassen, dass er nicht stolperte und sich womöglich den Knöchel brach. Außerdem war es nicht ratsam, auf eine der Schlangen zu treten, die sich unter dem Gras verbargen, denn hier fanden sich einige der giftigsten Schlangen des Landes. Aber all dies machte ihm jetzt nichts mehr aus, so nah am Ziel. Mit seinem Stock überprüfte er den Boden vor ihm, den er nicht sehen konnte, und verscheuchte gleichzeitig die Schlangen. So kam er recht gut voran und hatte am Mittag den Waldrand erreicht.

Auf eine Mittagspause hatte er verzichtet. Der Wald bot ihm reichlich Früchte, die er im Vorbeigehen pflücken und unterwegs essen konnte, und so kurz vor dem Ziel hatte ihn eine Unruhe gepackt, die es ihm nicht erlaubte, zu rasten. Der Waldduft überdeckte hier den Seegeruch, aber das Bewusstsein des nahen Meeres trieb ihn vorwärts. Die Geräusche des Waldes, die singenden Vögel und das Rauschen der Bäume drangen ihm kaum ins Bewusstsein. Aber plötzlich hielt er inne und lauschte: War da nicht gerade ein anderes Geräusch gewesen? Genau, in das Rauschen des Waldes mischte sich, kaum hörbar, ein anderes Rauschen: Brandungsrauschen. Das Ufer musste jetzt schon ganz nah sein. Sein Gang beschleunigte sich. Und tatsächlich, schon bald konnte er zwischen den Bäumen hindurch im Hintergrund schäumende Gischt sehen. Und auch der Meeresgeruch drang wieder in seine Nase. Mit jedem Schritt wurden das Brandungsrauschen und der Meeresgeruch stärker, bis sie die Geräusche des Waldes übertönten. Und dann erreichte er das Ufer des Meeres.

Nur ein dünner, felsiger Streifen trennte den Wald vom Meer, vielleicht einen halben Meter breit. Es wehte ein kräftiger Landwind, der für eine starke, schäumende Brandung sorgte. Er sog die Luft ein. Wie sehr hatte er sich nach dieser Luft gesehnt! Jetzt war die Zeit gekommen, zurückzukehren. Er sah sich um. Er war offenbar ganz alleine am Strand. Eilig legte er seine Kleider ab und stieg völlig nackt ins Wasser. Schon als er die ersten Schritte im noch seichten Wasser in Richtung offenes Meer machte, spürte er, wie seine Haut sich straffte und glatter wurde. Dann hatte er tieferes Wasser erreicht und begann, vom Ufer weg zu schwimmen, in Richtung der roten Sonne, die sich am Horizont anschickte, im Meer zu versinken. Er merkte, wie der Fluch langsam von ihm ansank, wie sich sein Körper verformte, die Augen nach außen wanderten und seine Beine langsam zu Flossen wurden. Er bekam seine eigene, ursprüngliche Gestalt zurück, die ihm aufgrund des Fluches über zwanzig Jahre lang verwehrt geblieben war. Noch bevor die Sonne ganz untergegangen war, hatte er seine wirkliche Gestalt wieder vollständig erreicht. Der Delphin schwamm noch einmal einen Halbkreis und warf einen Blick zurück aufs Ufer, an dem seine Kleidung lag, die letzten Zeugnisse seines menschlichen Körpers, an den er so lange gefesselt gewesen war. Dann wandte er sich wieder dem offenen Meer zu, seiner ursprünglichen Heimat, in die er wieder zurückgekehrt war. Bald war das Land nicht mehr zu sehen, und auch die Erinnerung daran ähnelte schon bald mehr der dunklen Erinnerung an einen Traum, so, als wäre dies alles nie geschehen.

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