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Tippzettel

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Ich trat in die Kneipe ein, die er mir als Treffpunkt genannt hatte und sah mich um. Dieser Raum hatte ganz klar schon bessere Zeiten gesehen. Die Einrichtung wirkte ziemlich heruntergekommen, und der Boden war schon lange nicht mehr gewischt worden. Nicht gerade der Ort, an dem man sich über ein Investment unterhalten würde. Aber vielleicht hatte er den Ort bewusst gewählt, um vor Mithörern sicher zu sein? Schließlich hatte er mir nichts weniger versprochen, als die revolutionärste Erfindung des Jahrhunderts.

Ich schaute mich um. Offenbar war er noch nicht da. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie er aussah, aber der Raum war völlig leer bis auf eine Bedienung hinter der Theke und einem ziemlich abgerissen wirkenden Mann davor. Der war bestimmt nicht der Erfinder, der mit mir reden wollte. Es war eher der Typ Mensch, der um ein paar Euro bittet, um damit sein nächstes Bier zu finanzieren. Nun ja, jedenfalls bestand bei ihm sicher nicht die Gefahr, dass er ein Spion war, der die Erfindung stehlen wollte. Ein typischer Penner eben.

Ganz schön schlau, ausgerechnet diesen Ort fürs Gespräch zu wählen, dachte ich mir. Was er wohl für eine Erfindung präsentieren würde? Ich konnte es kaum noch erwarten. Aber ich war fünfzehn Minuten vor der Zeit da, also konnte es noch einige Zeit dauern, bis er kam. Obwohl ich bekannt dafür war, bei Investitionsverhandlungen immer ein wenig früher zu kommen, und die meisten Menschen kamen dann entsprechend auch früher, um einen guten Eindruck bei mir zu machen. Nun gut, in diesem Fall handelte es sich um einen Newcomer, zu dem sich diese Eigenheit von mir wohl noch nicht herumgesprochen hatte.

Um die Zeit zu überbrücken, ging ich zur Bar und bestellte mir ein Wasser. Alkohol würde ich während der Verhandlungen vermutlich noch genug trinken, das gehörte einfach dazu, deshalb wollte ich nicht schon mit einem gesteigerten Alkoholspiegel die Verhandlungen beginnen. Als ich meine Bestellung abgegeben hatte, sprach mich der Penner an. "Entschuldigen Sie, sind Sie Herr Brüllmann?" – "Ja, der bin ich. Woher kennen Sie mich?" – "Nun, ich habe ein Bild von Ihnen in der Zeitung gesehen, als Sie zum erfolgreichsten Unternehmer der Stadt gekürt wurden. Aber kommen wir doch gleich zum Geschäftlichen!"

Was meinte er damit? Eine kleine "Spende" für sein nächstes Bier? Aber ich ließ mir meine Überraschung nicht anmerken und fragte: "Welches Geschäft wollen Sie mir anbieten?" Auf seine Antwort war ich jedoch so wenig gefasst, dass er mir meine Überraschung mit Sicherheit ansah, auch wenn er sich seinerseits nichts anmerken ließ. Die Antwort lautete: "Meine Erfindung. Wir hatten ja schon telefoniert."

"Dann sind Sie also Hans Müller" sagte ich, bemüht, mir meine Überraschung nicht weiter anmerken zu lassen, auch wenn es jetzt wahrscheinlich schon zu spät dafür war. Er antwortete gelassen: "In der Tat, der bin ich."

"Na, dann lassen Sie mich Ihre Erfindung mal sehen." sagte ich. Er öffnete seinen Mantel und holte aus der Innentasche ein zerknülltes Stück Papier heraus. Also, wenn ich mir eine revolutionäre Erfindung aufschreiben würde, ginge ich aber mit der Aufschrift sorgfältiger um, dachte ich mir, während der Mann das Blatt umständlich entfaltete und auf den Tisch legte. Während er es glattstrich, warf ich einen Blick darauf und stellte fest, dass das Papier vollständig leer war. Aber vielleicht hatte er es bewusst verkehrtherum auf den Tisch gelegt, um die Spannung zu steigern.

Nachdem er mit dem Glattstreichen fertig war, wandte er sich wieder an mich. "Hier ist meine Erfindung." sagte er und deutete auf den trotz allem imer noch recht zerknittert wirkenden, leeren Zettel. "Na, dann drehen Sie mal um" sagte ich, in der festen Überzeugung, dass auf der anderen Seite die Erfindung aufgezeichnet war. Der Mann drehte den Zettel auch sofort um, jedoch war die Rückseite ebenso jungfräulich weiß wie die Vorderseite.

"Also, wo ist nun Ihre Erfindung" fragte ich, nun schon etwas ungeduldig. "Na, hier." sagte der Mann und zeigte auf den Zettel. "Also, ich sehe hier nur einen unbeschriebenen weißen Zettel." sagte ich. "Sie wollen mir doch hoffentlich nicht erzählen, dass Sie das Papier erfunden hätten?"

"Das mag aussehen wie ein gewöhnlicher Zettel," entgegnete der Mann, "aber es ist kein gewöhnlicher Zettel. Es ist ein Tippzettel."

"Sie meinen, sie spielen mit diesem Zettel Lotto oder sowas?" fragte ich. So langsam bekam ich das ungute Gefühl, dass der Mann sich mit mir einen Scherz erlaubte. Ein weißer Zettel als die Erfindung des Jahrhunderts. Ja sicher. Wahrscheinlich war es besser, wenn ich diese Zeitverschwendung so rasch wie möglich beendete. Andererseits war ich neugierig, wie weit der Mann noch gehen würde.

"Nein, ich tippe auf diesem Zettel. So ähnlich wie auf einer Tastatur. Nur dass ich eben eine Tastatur nicht zusammenknüllen und in die Tasche stecken kann."

"Na, dann demonstrieren Sie mir doch mal die Fähigkeiten Ihrer Erfindung" meinte ich, in der Hoffnung, dass er mir den Sarkasmus nicht anhörte. Obwohl das jetzt wahrscheinlich auch schon egal gewesen wäre.

Er fing auch tatsächlich sofort mit seiner Demonstration an, indem er mit seinen Fingern typische Tipp-Bewegungen auf dem leeren Papier machte. Auf meine Frage, was er denn gerade tippe, erklärte er, er tippe schon mal einen Entwurf für unseren Vertrag. Den müsse ich dann nur noch unterschreiben, falls ich damit einverstanden sei.

Erhoffte er sich so, von mir eine Blanko-Unterschrift zu bekommen? Aber das musste ihm doch klar sein, dass ich auf so eine Performance nicht hereinfallen würde. Oder glaubte er tatsächlich, er würde hier etwas tippen?

Nachdem er fertiggetippt hatte, fragte ich ihn, ob ich sehen könne, was er getippt hat. Er schob mir den Zettel hin, der imer noch genauso unbeschrieben weiß war wie am Anfang, wenn man von ein paar Bierflecken absah, die er bei seiner Tipp-Simulation offenbar dort hinterlassen hatte.

"Ich kann nichts erkennen" sagte ich.

Der Mann blickte auf das Papier und sagte "Oh, tut mir leid, manchmal klemmt der Mechanismus etwas. Moment." Damit zog er das Papier zu sich, fuhr mit der Hand klopfend auf das Papier, drehte es um, fuhr nochmal über das Papier, und drehte es nochmal um. Und zu meinem großen Erstaunen befand sich nun wirklich ein Text auf dem Papier.

"Wie funktioniert das?" fragte ich. "Ja, da staunen Sie, was?" meinte der Mann und fing an, den Mechanismus zu erklären, wobei er aber so viele mir unbekannte Fachwörter benutzte, dass ich nicht das Geringste davon verstand. Aber es war mir unangenehm, nachzufragen, also akzeptierte ich die Erklärung und wandte mich dem Vertragstext zu, den er getippt hatte. Es handelte sich um einen typischen Investorenvertrag, und die Bedingungen waren sogar etwas günstiger für mich als bei den meisten anderen Verträgen – es war offensichtlich, dass der Mann darin keine Erfahrung hatte. So unterschrieb ich schließlich den Vertrag, froh, dass ich doch nicht gleich gegangen war.

Ein paar Tage danach überwies ich die vereinbarte Investitionssumme. Danach habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Eine spätere Nachforschung ergab, dass es sich um einen Zauberkünstler handelte, der offenbar eine ganze Reihe von Investoren ähnlich hereingelegt hatte. Leider war er aber zum Zeitpunkt, als die Polizei die Ermittlungen begann, bereits untergetaucht.

Ich musste wieder an diese Episode zurückdenken, als ich das erste Mal von e-Books mit elektronischem Papier hörte. Seither frage ich mich: Ist der Erfinder des elektronischen Papiers vielleicht auch von jenem Zauberkünstler hereingelegt worden, hat dann aber die Idee als solche ernst genommen und selbst verwirklicht?

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