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Mitternacht

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Dunkelheit. Die Kirchturmuhr schlagt. Erst hohe Töne, eins, zwei, drei, vier, also die volle Stunde. Dann die tiefen Glockenschläge: Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … neun … zehn … elf … war es das? Ach nein, da kommt noch ein weiterer Glockenschlag, mit etwas größerem Abstand als die vorherigen elf Schläge, so als hätte er Angst. Angst davor, die zwölfte Stunde zu verkünden. Die Geisterstunde. Die Stunde, in der es spukt.

Überall im Land beginnt sich nun etwas zu regen. Der Wind, vorher nur ein schwacher Hauch, wird kälter. Und nimmt kräftig zu. Er beginnt zu heulen. Allenthalben knarzen Bretter. Türen knarren. Und die Gespenster der Nacht erwachen.

Am Friedhof versammeln sich die Geister aller hier begrabenen Verbrecher, und unweit davon diejenigen der Opfer, denn einige der Verbrecher waren Mörder. Die Geister der Verbrecher beginnen, die Geister der Opfer zu jagen. Die Jagd geht durch den ganzen Ort, und wird um Punkt ein Uhr wieder auf dem Friedhof enden, wo die Verbrecher dann die Opfer einholen und in die Gräber zurückstoßen werden, bevor sie selber wieder in ihre Gräber zurückkehren, wie es jede Nacht aufs Neue geschieht.

Die Kirchturmuhr schlägt. Ein heller Ton, viertel eins.

Unterwegs treffen sie auf den Geist des unglücklichen Jakob, der sich vor dreihundert Jahren aus Liebeskummer an der Dorflinde erhängt hatte. Die Dorflinde ist schon lange nicht mehr da, aber der unglückliche Jakob sitzt jede Nacht weiterhin an der Stelle, wo die Linde einst stand, und ruft nach seiner Geliebten, die aber nicht kommt, denn sie spukt währenddessen im alten Schulhaus, das auch schon lange nicht mehr als Schulhaus genutzt wird. Dort hatte sie sich sie damals am Dachboden den Fuß eingeklemmt und hatte ihn nicht mehr freibekommen, und wurde erst eine Woche später gefunden, weil Schulferien waren, und nach dieser Woche war sie bereits verdurstet.

Die Kirchturmuhr schägt, zwei hohe Töne. Halb eins.

Am See wandelt der Geist des Schwimmers. Er war vor zweihundertunddreißig Jahren auf den See hinausgeschwommen und hatte seine Kräfte überschätzt. Seine Leiche wurde nie gefunden. Seither schwimmt er jede Nacht eine Stunde als Geist über den See. Niemand hat ihn je gesehen, aber das Geräusch seines Schwimmens ist von jedem Ort des Ufers aus gut zu hören.

Die Kirchturmuhr schlägt, drei hohe Töne, dreiviertel eins.

Und schließlich ist da noch der Geist des letzten Bewohners. Alle anderen hatten das Dorf verlassen, weil sie den täglichen Spuk nicht mehr aushielten. Nur er verließ den Ort nicht, denn er hatte einst geschworen, bis an sein Lebensende nicht von diesem Ort wegzuziehen, und an diesen Schwur fühlte er sich gebunden. Und als er dann die erste Nacht alleine im Ort war, da hörte er in der Nacht den Spuk so laut und deutlich wie nie zuvor, und da bekam er vor Schreck einen Herzinfarkt, und seither ist er selber einer der Geister, die hier spuken. Und weil er der einzige Geist ist, der immer noch unmittelbar auf die Materie einwirken kann, zieht er jede Nacht die alte Kirchturmuhr auf, so dass sie weiter jede Nacht schlägt, obwohl schon lange kein lebender Mensch mehr diesen Ort besucht hat.

Und nun beginnt die Kirschturmuhr wieder zu schlagen. Ein heller Ton – die Opfer kehren auf den Friedhof zurück. Ein zweiter heller Ton – die Täter holen sie ein. Und der unglückliche Jakob hört auf zu rufen. Ein dritter heller Ton – die Täter stoßen die Opfer zurück in ihre Gräber. Und am See hören die Schwimmgeräusche auf, und nur noch die letzten Wellen plätschern ans Ufer. Ein vierter heller Ton – und auch am Dachboden des ehemaligen Schulhauses ist wieder Ruhe. Auch die Geister der Verbrecher kehren nun wieder in die Gräber zurück.

Schließlich der erlösende tiefe Glockenton. Ein einzelner Ton, der lange ausklingt. Und als er endlich verklungen ist, liegt wieder absolute Stille über dem Ort. Nur der Wind weht noch sanft und gar nicht mehr kalt über die alten Häuser hinweg, über den See und über den alten Friedhof, auf dem jetzt auch die Friedhofsruhe wieder eingekehrt ist.

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