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Das Schiff lag ruhig auf dem unbewegten Wasser. Nicht einmal die kleinste Welle durchbrach die ungewöhnlich glatte Oberfläche des Meeres. Dies war keine gewöhnliche Flaute, das konnte jeder erkennen, der schon mal eine Flaute miterlebt hatte.

Der Kapitän saß in seiner Kabine, um den heutigen Logbucheintrag zu schreiben. Er würde genauso lauten wie die Einträge der letzten sieben Tage. Weiterhin kein Wind, keine Positionsänderung. Auch sonst keine besonderen Vorgänge. Nur die Vorräte nahmen ab. Er würde wohl die Rationen herabsetzen müssen. Der Versuch, Fische zu fangen, um die Vorräte etwas zu ergänzen, war fehlgeschlagen, weil es hier offenbar keine Fische gab, die sich fangen ließen. Und die Auswirkungen, die der Versuch auf die Mannschaft gehabt hatte, ließ ihn davor zurückschrecken, einen weiteren Versuch anzuordnen. Denn als sie das Beiboot ausgesetzt hatten, hatte auch dieses nicht die gewohnten Wellen erzeugt. Stattdessen stieg das Wasser neben dem Boot ein wenig an, so als wäre es Sand gewesen, in den das Boot gefallen war. Anders als bei Sand sank allerdings das Wasser langsam wieder zurück, so dass die Wasseroberfläche binnen Minuten wieder so glatt war wie zuvor. Auch das anschließend ausgeworfene Netz warf keine Wellen. Allerdings war es nicht so, dass das Wasser insgesamt einfach zähflüssig war. Das Boot ließ sich durch Rudern problemlos fortbewegen, und abgesehen von den fehlenden Wellen schien alles normal.

Das war vor acht Tagen gewesen. Bei der Mannschaft hatte sich daraufhin Angst breitgemacht. Es hieß, auf dem Schiff müsse ein Fluch liegen. Und der Kapitän fürchtete, dass die Mannschaft früher oder später ihn dafür verantwortlich machen würden, weil er ja der Kapitän dieses Schiffes war. Und dann konnte es durchaus zu einer Meuterei kommen, gerade, wenn er jetzt auch noch die Rationen heruntersetzen musste.

Vielleicht würden sie den Vorfall von vor drei Wochen als Auslöser ansehen. Da hatte er einen Streit mit dem Kapitän eines anderen Schiffes, und es war zu Handgreiflichkeiten gekommen. An sich nichts besonderes, zwischen Seeleuten waren die Sitten schon immer etwas rauher gewesen. Aber in dem Gasthaus gab es einen kleinen Hausaltar in der Gaststube, und genau vor diesem Altar hatten sie sich in die Haare bekommen. Und so war es passiert, dass ein schlecht platzierter Fausthieb statt des Kapitäns des fremden Schiffes die Maria auf dem Altar traf, der daraufhin der Kopf abgebrochen war. An sich keine schlimme Sache, es war kein teures Standbild, und er hatte dem Wirt den Schaden natürlich umgehend ersetzt. Er war sogar recht großzügig gewesen. Aber die meisten Matrosen waren so furchtbar abergläubisch. In der Tat war ein Teil seiner Mannschaft daraufhin nicht mehr bereit, weiter auf seinem Schiff mitzufahren, und er musste neue Leute anheuern, was seine Weiterfahrt ziemlich verzögert hatte. Mit Sicherheit kursierte bereits die Behauptung in der Besatzung, dass dieses Ereignis schuld an der aktuellen Situation war, wenngleich ihm gegenüber niemand eine Bemerkung darüber machte.

Er schloss seinen Logbucheintrag ab und ging an Deck. Immer noch hatte sich nichts geändert. Aber er spürte, dass eine aggressive Stimmung in der Luft lag. Er trat an die Reling und blickte auf die spiegelglatte See hinaus. Über der glatten See wölbte sich ein wolkenloser blauer Himmel. Es gab nicht das geringste Anzeichen einer Wetteränderung. Wann endlich würde wieder Wind aufkommen? Lange konnte es nicht mehr so weitergehen. Es musste irgendetwas geschehen.

Plötzlich spürte er von hinten einen Stoß. Er hatte nicht gemerkt, dass jemand sich ihm genähert hatte, und er hatte keine Ahnung, wer ihn da gestoßen hatte. Aber der Stoß war stark genug, dass er über die Reling kippte und ins Wasser fiel. War das die Meuterei? Oder war es die Tat eines einzelnen Matrosen, ohne Zustimmung der anderen? Nun, selbst wenn, so schien er doch zumindest das stillschweigende Einverständnis des Rests der Mannschaft zu besitzen, denn es standen zwar einige Matrosen an der Reling und schauten zu ihm herunter, aber niemand machte Anstalten, ihm wieder an Bord zu holen.

* * *

Er erwachte. Offenbar lebte er noch. Hatte seine Mannschaft, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte, doch noch entschlossen, ihn wieder an Bord zu holen? Das letzte, woran er sich erinnerte, war dass er im Wasser schwamm und völlig erschöpft war, und nichts die Mannschaft dazu bewegen konnte, ihn aus seiner misslichen Lage zu holen, weder Befehle, noch Bitten, noch Flehen. Dann musste er wohl das Bewusstsein verloren haben.

Aber wo war er? Sicher nicht in seiner Kajüte, soviel war sicher. Überhaupt sah der Raum nicht so aus wie die Schiffsräume. Aber wo sonst sollte er sein? Er konnte wohl kaum irgendwo ans Ufer getrieben worden sein, so ruhig, wie das Wasser dagelegen hatte. Oder sollte doch noch ein Wind aufgekommen sein, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte? Aber selbst dann war es bis zum nächsten Land viel zu weit. Vielleicht hatte ihn ja ein anderes Schiff gefunden und aus dem Wasser gezogen. Das war zwar auch äußerst unwahrscheinlich, aber unter den gegebenen Umständen wohl die vernünftigste Annahme.

Er setzte sich auf. Die Luft setzte seiner Bewegung einen merkwürdigen Widerstand entgegen, so, als ob er sich im Wasser bewegen würde. Und in der Tat erblickte er nun in der Nähe der Tür einen kleinen Fisch, der munter im Raum herumschwamm. Also war er unter Wasser? Aber wie kam es dann, dass er normal atmen konnte? Irgendwie ergab das alles keinen Sinn.

Er entschloss sich, aufzustehen. Doch als er sein linkes Bein aus dem Bett schwingen wollte, bemerkte er, dass er überhaupt kein linkes Bein hatte. Dort, wo seine Beine sein sollten, befand sich ein großer Fischschwanz. Jetzt war er sich ganz sicher: Das war nur ein Traum. Wahrscheinlich war er vor Erschöpfung eingeschlafen, und trieb nun auf dem Wasser. Alles, was er jetzt sah, war also nicht real.

Er erinnerte sich an etwas, was er mal gehört hatte: Wenn man im Traum länger auf eine Stelle starrte, wachte man auf. Vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen, das auszuprobieren? Andererseits, vielleicht war es sinnvoller, weiterzuträumen. Die Realität war vermutlich ziemlich trostlos. Und alles, was ihm im Traum begegnete, musste ihn nicht schrecken, denn jetzt wusste er ja, dass es nicht real war.

Er beschloss, seine Traumwelt zu erkunden. Als erstes probierte er seinen Fischschwanz aus. Zu seiner Überraschung fiel es ihm überhaupt nicht schwer, ihn beliebig zu bewegen, so als ob er schon immer einen Fischschwanz besessen hätte. Andererseits, er träumte sich ja den Fischschwanz, natürlich hatte er ihn unter Kontrolle.

Anstatt aufzustehen, schwamm er nun einfach vom Bett weg in Richtung Tür. Er öffnete die Tür und schwamm in einen Gang, dessen Holzwände nach wenigen Metern offenbar abgebrochen waren. Er durchschwamm den Gang und war plötzlich im offenen Meer. Nun erkannte er, wo er gewesen war: Es handelte sich um den Teil eines Schiffswracks. Wann dieses Schiff wohl untergegangen war? Und gerade hier? Vielleicht war es ja diese Gegend, die verflucht war.

Als er sich umblickte, bemerkte er, dass um ihn herum nicht nur Fische schwammen, sondern in kurzer Entfernung auch einige andere fischschwänzige Menschen schwammen, ein Mann und zwei Frauen. Sie waren allesamt nackt, da aber die Unterkörper sämtlich Fischschwänze waren, bedeutete das beim Mann nicht viel. Bei den Frauen hingegen fielen ihm sofort die nackten Brüste auf. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er selbst auch völlig nackt war. Aber da auch sein Unterkörper nur ein Fischschwanz war, machte ihm das nicht das geringste aus. Außerdem war es ja ohnehin nur ein Traum, in Wahrheit konnte ihn ohnehin niemand so sehen.

Er schwamm auf die Gruppe zu. Der Mann wandte sich ihm zu. "Willkommen im Meer", sagte er freundlich, "ich bin Blubb. Das hier sind Glucks und Rausch. Du brauchst auch noch einen Namen, ich schlage vor, wir nennen dich Platsch."

"Aber ich habe doch schon einen Namen!" protestierte der Kapitän. "Ich heiße ..."

Aber Blubb ließ ihn nicht ausreden. "Einen Menschennamen hast Du, aber keinen Namen für Meeresleute. Da du ab nun ein Meeresmann bist, brauchst du auch einen Meeresnamen. Also, was hältst du von Platsch?"

"Das klingt etwas seltsam," meinte der Kapitän, "aber eure Namen klingen auch seltsam für mich. Insofern bin ich mit Platsch einverstanden. Zumal es ja ohnehin nur für die Zeit bis zum Aufwachen ist."

"Es gibt kein Aufwachen." sagte Blubb. "Viele neue Meerleute denken zunächst, sie träumten. Aber was du hier siehst, ist real. Auch wenn es dir bisher nicht bewusst war, ist dies deine eigentliche, deine wirkliche Identität. Deine Zeit unter Menschen war notwendig, aber die Vorsehung verlangte, dass du eines Tages hier ankommen würdest. Alle Meerleute beginnen ihr Leben als Menschen, aber sie alle teilt eine merkwürdige Sehnsucht nach der See."

"Das ist richtig, schon als kleines Kind hatte ich den Wunsch, zur See zu fahren" bemerkte der Kapitän. "Aber nicht, um fremde Länder zu sehen, sondern es war die See selbst, die mich lockte."

"Ja, so geht das allen Meerleuten" erklärte Blubb. "Und alle fahren dann zur See. Und früher oder später werden sie dann mit ihrem Schiff hier vorbei kommen. Manche schon auf ihrer ersten Fahrt als Schiffsjunge, andere erst später als Leichtmatrose, oder auch erst, wie in deinem Fall, als Kapitän. Aber jeder kommt einmal hier an, das verlangt die Vorsehung. Und dann landen sie im Wasser, gehen unter und verwandeln sich in ihre eigentliche Gestalt."

"Und was ist aus meinem Schiff geworden?" fragte der Kapitän.

"Deine Mannschaft hat genau das Richtige getan, als sie dich über Bord warf. Dadurch konnte die Vorsehung erfüllt werden, ohne dass das Schiff untergehen musste. Sobald deine Verwandlung abgeschlossen war, ist ein Wind aufgekommen, und das Schiff konnte weiterfahren." erklärte Blubb. "Andere hatten weniger Glück, wie die Besatzung des Schiffs, in dem du aufgewacht bist. Wir haben dich dorthingebracht, damit du nicht gleich beim Aufwachen von der neuen Situation überwältigt wirst. Es ist sehr hilfreich, wenn man in einer Umgebung erwacht, die wenigstens halbwegs vertraut ist."

"Und was ist mit der Besatzung des Schiffs geschehen?" fragte der Kapitän.

"Nun, es ist ein schwerer Sturm aufgekommen, und das Schiff ist gesunken. Es gab keine Überlebenden, mit Ausnahme des Schiffsjungen, der ein Meermann war. Der Schiffsjunge, das war ich."

"Ein schlimmes Schicksal" meinte der Kapitän. "Aber was mich noch wundert ist, woher die Frauen kommen. Die Schifffahrt ist doch eine reine Männerdomäne."

"Du hast vielleicht schon mal vom Aberglauben gehört, dass es Unglück bringt, wenn eine Frau am Schiff ist. Nun, es ist nicht nur Aberglaube. Denn Meerfrauen haben natürlich dieselbe Sehnsucht nach dem Meer wie Meermänner, und versuchen daher mit allen Mitteln, auf Schiffe zu kommen. Da aber Frauen auf Schiffen eher selten sind, ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau auf einem Schiff eine Meerfrau ist, wesentlich höher. Und für die Besatzung des Schiffes ist es natürlich nicht so gut, eine Meerfrau an Bord zu haben, wie auch ein Meermann nicht sonderlich zur Sicherheit des Schiffes beiträgt. Da aber der Anteil von Meerfrauen an Frauen auf Schiffen wesentlich höher ist, ist in der Tat das Risiko unterzugehen mit einer Frau an Bord höher."

"Aber jetzt habt ihr erst einmal genug geredet!" mischte sich sich Glucks ein. "Komm mit, Platsch, wir stellen dich den anderen vor!"

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