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Himmel

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Es war auf einem Spaziergang gewesen, wie er ihn häufiger machte. Solche Spaziergänge hatten kein bestimmtes Ziel, bis auf dasjenige, irgendwo hinzukommen, wo er noch nie gewesen war. Und da er erst eine Woche hier in der Gegend wohnte, gab es noch viele Stellen, die er noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Dieses mal war er zunächst den kleinen Feldweg von der Straße weg in Richtung des Waldes gegangen, den er schon zwei Tage zuvor gewählt hatte. Aber statt, wie das letzt Mal, vor dem Wald nach links auf den Fußweg abzubiegen, der am Waldrand entlangführte, ging er jetzt geradeaus weiter in den Wald.

Er war sich nicht sicher, ob das überhaupt ein offizieller Weg war. Es sah eher nach einem Trampelpfad aus. Aber es war auf jeden Fall ein Weg, und es war sein erklärtes Ziel, alle Wege der Gegend auszuprobieren. Und so folgte er dem Pfad, bis dieser an einer Forststraße endete, die erkennbar schon lange nicht mehr genutzt worden war. Es lagen zwei Bäume quer über den Weg, die offenbar morsch geworden umd umgekippt waren, ohne dass dies irgend jemanden gestört hatte. Auf dem Boden hatte sich in vielen Löchern das Wasser zu größeren und kleineren Pfützen angesammelt. Wohin mochte der Weg wohl führen?

Er beschloss, diesmal nach rechts zu gehen; wohin die alte Forststraße links führte, konnte er ja dann das nächste Mal erkunden. Fürs Erste würde ihm also das unbekannte Terrain nicht ausgehen.

Das Fortkommen war mühsamer als auf dem Trampelpfad vorher, denn ständig musste er über irgendwelche herumliegenden Äste steigen, Pfützen vermeiden, oder auch beides gleichzeitig. So kam er recht langsam voran, und hatte keine rechte Vorstellung, wie weit er eigentlich gegangen war, als er an eine Weggabelung kam, an der ein Wegweiser stand. Auf die Forststraße, auf der er gekommen war, wies ein Schild mit der Aufschrift "Zurück". Hatte sich da jemand einen Scherz erlaubt? Vielleicht hörten aber auch die anderen beiden Wege irgendwo auf, wo man nicht mehr weiter kam, und die alte Forststraße war der einzige Weg, auf dem man hierher kommen konnte. In diesem Fall wäre sie auch der einzige Weg, der zurück führte. Aber dennoch war es seltsam, dass dieses Wort auf dem Wegweiser stand, denn normalerweise schrieb man ja dort Ortsnamen oder Namen von besonderen Punkten hin. Oder gab es hier vielleicht einen Ort namens Zurück? Er hatte nie die Karte dieser Gegend studiert, und Ortsnamen konnten ja durchaus ungewöhnlich sein. Wer noch nie von der Stadt Essen gehört hätte, würde sich wohl auch beim Wegweiser nach Essen fragen, ob es vielleicht zu einer Gaststätte weist, wo man eben etwas essen kann.

Wie dem auch war, jedenfalls würde er an diesem Wegweiser zuverlässig den Rückweg erkennen. Jetzt aber wollte er erst einmal einen der beiden anderen Wege erforschen. Auch zu diesen zeigten Richtungsschilder. Der rechte Weg, ebenfalls eine Forststraße, war mit "Hexenhaus" beschildert, der linke hingegen, ein etwas schmalerer Fußweg, mit "Himmelsleiter". Das wurde ja immer lustiger! Sollte er jetzt zum Hexenhaus gehen, oder doch lieber zur Himmelsleiter? Er zögerte kurz, entschied sich dann aber spontan für die Himmelsleiter. Das Hexenhaus konnte er später ja immer noch besuchen. So ging er also mit festem Schritt auf den linken Weg.

Der Weg war wesentlich besser in Schuß als die Forststraße, auf der er gekommen war. So kam er zügig voran, zumal der Weg sich als ziemlich eintönig erwies und keinen Grund zum Anhalten uns Schauen lieferte. Schnurgerade zog er sich durch den Wald, und die Bäume auf beiden Seiten ähnelten sich auch weitgehend. Aber ewig konnte das ja nicht so weitergehen. Irgendwann und irgendwo musste der Weg aufhören. Also folgte er ihm unverdrossen, bis er schließlich an eine Biegung kam. Hinter der Biegung ging der Weg noch etwa zwei Meter weiter bis auf eine Lichtung.

Er staunte nicht schlecht, als er auf die Lichtung kan, denn sort stand in der Tat eine senkrechte Leiter. Er blickte an der Leiter empor, konnte jedoch ihr Ende nicht ausmachen. Man konnte also in der Tat mit Fug und Recht von einer Himmelsleiter sprechen, der Wegweiser hatte also nicht gelogen.

Ob die Leiter ihn wohl tragen würde? Mit Sicherheit würde er von oben einen wunderbaren Ausblick haben. Er probierte es aus, und tatsächlich, die Leiter trug ihn. Also stieg er zügig hinauf, und da er recht sportlich war, erreichte er bald die Baumwipfel. Über den Wald hinweg konnte er sehen, dass sich die Sonne bereits dem Horizont näherte. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er so lange unterwegs gewesen war. Auf dem Rückweg würde er sich beeilen müssen, um nicht in die Dunkelheit zu kommen, bevor er aus dem Wald raus war. Aber jetzt wollte er doch noch ein wenig weiter hinauf steigen, um noch einen besseren Blick zu bekommen. Diese fünf Minuten würden das Kraut auch nicht fett machen.

Etwa zehn Meter über den Wipfeln machte er Halt, um sich das Panorama anzusehen. In der Tat hatte man von hier einen äußerst schönen Blick. Jenseits des Waldes schloss sich eine sanfte Hügellandschaft an. Noch weiter hinten konnte er Felder erkennen, die zum Teil schon abgeernted waren. Auf einem Feld bemerkte er einen Traktor bei der Ernte. Und im Hintergrund konnte er gerade so eben im Dunst die nächste größere Stadt erkennen.

Nun hatte er aber genug gesehen, jetzt war es Zeit, wieder hinabzusteigen, sonst würde es wirklich zu spät. Aber als er seinen Fuß auf die nächstniedrigere Sprosse der Leiter stellen wollte, trat der Fuß ins Leere. Erschrocken blickte er nach unten und musste entsetzt feststellen, dass die Leiter nach unten genau dort endete, wo er gerade gestanden hatte. Wo war der Rest der Leiter hin? Immerhin war er sie doch gerade eben hinaufgestiegen!

Er blickte an der Leiter nach oben. Immer noch verlor sich das Ende in der Ferne des Himmels. Aber unter ihm war nichts als leerer Raum bis hin zu den Wipfeln der Bäume weit unter ihm. Was sollte er jetzt tun? Hinuntersteigen konnte er nicht mehr. Sollte er vielleicht warten, ob die Leiter unter ihm irgendwann wieder auftauchte? Aber vielleicht würde sie das nie tun, und er konnte ja nicht ewig warten. Und wer weiß, vielleicht würde sich das Stück der Leiter, auf dem er stand, ja auch in Luft auflösen, und dann würde er hinunterfallen, wenn er noch dort wartete. Andererseits – noch weiter hinaufsteigen? Dann war er ja noch weiter vom Boden entfernt! Oder würde er oben eine andere Leiter finden, die dann wieder hinabführte?

Überhaupt war es schon ein seltsamer Zufall, dass die Leiter genau unter der Stelle verschwunden war, an der er stand. Oder war es vielleicht kein Zufall? Vielleicht sollte er es einfach mal ausprobieren. Eine Sprosse mehr würde ja keinen so großen Unterschied machen. Und wenn es doch Zufall war, dann würde er einfach wieder die eine Sprosse zurücksteigen können.

So stieg er also eine weitere Sprosse hinauf und schaute wieder nach unten. Und in der Tat, die Sprosse, auf der er gerade noch gestanden hatte, war nun verschwunden. Damit war dies also klar: Die Leiter löste such unter ihm auf. Hätte er gleich am Anfang des Aufstiegs nach unten geschaut, hätte er diesen Effekt noch rechtzeitig bemerken können, um noch von der Leiter herunterzuspringen. Andererseits, wer rechnete auch mit sowas? Allerdings war eine Leiter, die einfach auf der Waldlichtung stand und nach oben reichte, soweit man sehen konnte, auch nicht normal. Vielleicht hätte ihn das zur Vorsicht mahnen sollen.

Aber für solche Gedanken war es jetzt schon zu spät, jetzt musste er entscheiden, was zu tun war. Die Alternativen waren zu warten oder die Leiter weiter hinaufzusteigen. Warten war vermutlich sinnlos, und irgendwann würde er einschlafen und dann hinunterfallen. Also hinaufsteigen, auch wenn diese Entscheidung nicht mehr umkehrbar war, denn schließlich bedeutete jeder Schritt nach oben, dass sich noch etwas mehr von der Leiter unter ihm auflöste. Und ein oberes Ende war nicht abzusehen. Ob es überhaupt eines gab?

Aber egal, es war seine einzige Chance, und so begann er, weiter nach oben zu steigen. Dabei bemühte er sich, nicht nach unten zu sehen. Nicht weil er Höhenangst gehabt hätte, sondern um nicht sehen zu müssen, wie sich die Leiter unter ihm verflüchtigte. Allein das Wissen darum war schon schlimm genug.

Inzwischen hatte die deutlich errötete Sonne den Horizont erreicht und machte sich daran, unterzugehen. Er blickte an der Leiter hinauf. Immer noch war kein Ende abzusehen. Ob es überhaupt ein Ende gab? Und ob er es erreichen würde, bevor er vor Erschöpfung von der Leiter fiel?

Während er weiter hinaufstieg, wurde es zunehmend dunkler. Zudem war heute Neumond, so dass er bald überhaupt nichts mehr erkennen konnte. Ohne zu sehen, wohin er griff oder trat, kletterte er weiter hinauf. Nur nicht schlappmachen. Irgendwann musste ja das Ende der Leiter erreicht sein.

Er musste wohl doch eingeschlafen sein, denn er erwachte, als die Morgendämmerung anbrach. Offenbar hatte er es geschafft, sich so sicher in der Leiter zu verhaken, dass er auch im Schlaf nicht heruntergefallen war. Er stellte fest, dass er schon fast die Wolken erreicht hatte. Das wunderte ihn ein wenig, denn das sollte doch eigentlich viel zu hoch sein, dass er es in so kurzer Zeit errichen hätte können. Seltsamerweise hatte er auch weder Hunger noch Durst, auch Blase und Darm regten sich nicht. Das war einerseits gut so, andererseits aber auch sehr verwunderlich. Was ging hier vor sich?

Er blickte nach oben. Immer noch war kein Ende der Leiter in Sicht. Aber ein Zurück gab es ja nicht. Und immerhin war er jetzt halbwegs ausgeschlafen, und wenn es weiterhin so schnell vorwärts ging wie bisher, würde er vielleicht das Ende der Leiter noch heute erreichen. Was ihn wohl an ihrem Ende erwartete? Nun, dem Namen nach der Himmel. Oder hieß das, dass die Leiter dann irgendwo in der Luft, eben im Himmel, aufhörte? Nun, er würde es sehen. Jetzt jedenfalls würde er weiter aufsteigen.

Während er weiter aufstieg, fiel ihm auf, dass er trotz der großen Höhe noch immer sehr gut atmen konnte. Eigentlich sollte hier die Luft doch schon viel zu dünn sein. Offenbar gab es hier irgendetwas, was ihn vor den Folgen der Höhe wie auch der mangenden Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme schützte. War es vielelicht sogar seine Bestimmung gewesen, hier hinaufzuklettern? Hatte die Leiter extra für ihn dort gestanden, auf ihn gewartet, bis er endlich kam und an ihr hinaufstieg? Die Teile der Leiter, an denen er schon hochgestiegen war, hatten ihre Aufgabe erfüllt und konnten daher aufhören zu existieren.

Als es Abend wurde, war immer noch kein Ende der Leiter in Sicht. Also hängte er sich wieder so in die Leiter, wie er am Morgen aufgewacht war, um so eine weitere Nacht zu schlafen. Er war sich diesmal sicher, dass er nicht herunterfallen würde. Irgendetwas beschützte ihn.

Als er am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang aufwachte, fühlte er sich deutlich erholt. Heute war Montag, eigentlich hätte er jetzt zur Arbeit müssen. Wie lange es wohl dauern mochte, bis man nach ihm suchte? Jedenfalls, finden würde ihn hier niemand, denn von der Leiter wäre unten nichts mehr zu sehen. Oder war vielleicht schon der Weg nur für ihn dagewesen? Vielleicht gab es dort normalerweise keinen Weg, und sobald er ihn verlassen hatte, war der Weg verschwunden, so wie die Leiter unter ihm verschwand. Aber das hatte jetzt für ihn keine Bedeutung. Er musste weiter hinaufsteigen, so lange, bis er das Ende der Leiter erreicht hatte. Aus irgendeinem Grund war er sich jetzt ganz sicher, dass es seine Bestimmung war, dorthin zu gelangen, ganz egal, was ihn dort erwartete.

Auch die nächsten Tage verliefen genau gleich: Bei Sonnenaufgang erwachte er, stieg bis zum Abend hinauf, und hängte sich zum Schlafen wieder in die Leiter. Langsam begannen die Tage länger zu werden, der Taghimmel dunkler, die Sonne wärmer, und der Horizont begann, sich merklich zu krümmen. Wie lange noch, bis er das Weltall erreicht hatte? Aber immer noch hatte er kein Problem zu atmen, obwohl er spürte, dass die Luft dünner wurde. Was dort unten auf der Erde vor sich ging, wurde ihm von Tag zu Tag gleichgültiger. Es interessierte ihn nicht mehr, ob man nach ihm suchte. Essen und trinken waren nur noch langsam verblassende Erinnerungen. Alles was zählte, war das Erklimmen der Leiter.

Mittlerweise hatte er vergessen, wie lange er schon die Leiter hinaufstieg. Beziehungsweise, konnte man noch von hinauf reden? Wo er jetzt war, gab es kein Oben und Unten mehr. Die Erde war schon weit entfernt, und auch am Mond war er bereits eine Weile vorbei. Tage und Nächte gab es hier nicht mehr, die Sonne schien die ganze Zeit über. Luft gab es auch keine, aber er musste auch nicht mehr atmen. Ein Ende der Leiter war immer noch nicht in Sicht, aber darüber machte er sich keine Gedanken mehr. Der Sinn seiner Existenz war es, der Leiter zu folgen. Alles andere zählte nicht.

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